| Berliner
Zeitung
Datum: 23.05.2001
Autor: Mechthild Henneke
Foto: Kay Herschelmann
Lieder - melancholischer als
melancholisch.
Gitarren und Träume sind wichtigsten Zutaten für ein gutes Autorenlied.
Pavel Gaida, 38-jähriger Sänger aus Rostow am Don, schreibt solche
Musik.
Der Sänger ist kein Virtuose auf der Gitarre - und er will auch
keiner sein. "Erst war die Poesie da, dann kamen die Lieder",
sagt Pawel Gaida, 38-jähriger Musiker aus Rostow am Don. Das Publikum
sieht das genauso: Ein falscher Ton stört niemanden. Die Zuhörer
hängen an den Lippen des Mannes und der singt von, ja wovon wohl?
Liebe, Trennung, Schmerz, Einsamkeit - immmer ums Wesentliche kreisend.
Große Säle füllt Gaida nicht, aber kleine allemal, denn in Berlin
leben 200 000 Russen, und die Art Musik, die er macht, ist russischer
als russisch. "Autorenlieder" heißen sie übersetzt, wer
sie vorträgt, ist ein "Barde". So mittelalterlich, wie
die deutsche Bedeutung des Worts, sind die Lieder nicht: Ihre Texte
können sehr politisch sein.
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Die Barden
Bulat Okudshawa (eigentlich ein Dichter) und Wladimir Wysozkij (ein
Schauspieler) waren zu Sowjetzeiten Helden der Opposition und Helden
des Volkes, denn ihre Lieder waren voll subtiler Kritik. Seit die
Kommunisten fort sind, haben Pop und Techno die gesungenen Gedichte
verdrängt, doch Russen sind treu. Bis zu 300 000 Menschen besuchen
jedes Jahr ein Bardenfestival in einer Stadt nahe Samara an der
Wolga, auch die Exilrussen halten an der Tradition fest.
Überall in Deutschland gibt es Bardenklubs, bei denen sie sich treffen,
sich ihre Lieder vorsingen, oder die zu Hymnen gewordenen Stücke
anderer vortragen. In Berlin ist der erste Sonnabend des Monats
ihr fester Termin, um fern der Heimat von der Heimat zu träumen.
"Vielleicht kann man erst über ein Land schreiben, wenn man
draußen ist", sagt Gaida. Vielleicht müsse man Russland verlassen,
um zu wissen, was man fühlt. Auch Nostalgie sei ein wichtiges Motiv,
die Autorenlieder zu pflegen. Die Sehnsucht nach der Vergangenheit
treibe viele Russen um. "Ich kenne einige, die jeden Monat
ihren Koffer packen - und wieder auspacken", sagt Gaida.
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An diesem Wochenende
können sie beruhigt in Berlin bleiben: Da haben die Barden ein Festival
organisiert, "Russkij Akzent" in der Schönholzer Heide
in Pankow. Rund 1 000 Menschen kamen im vergangenen Jahr, um zu
zelten, am Lagerfeuer zu singen und vor allem, um russische Stars
der Szene wie Jurij Kukin zu hören.
"Es sind Leute mit einem gewissen intellektuellen Niveau, die
zu solch einem Festival kommen", sagt Jurij Zaika. Der 27-jährige
Klavierlehrer aus Kasachstan hat das Treffen organisiert. Auch er
ist ein überzeugter Barde - singt allerdings keine eigenen Lieder.
Das kommt beim Publikum oft besser an, denn schließlich geht es
darum, Gefühle und Stimmungen von einst wiederzufinden. Auch deutsche
Sänger sind zum Festival eingeladen. Wer will, kann dort spontan
auftreten. Die Russen wollen sich nicht isolieren. Pawel Gaida wird
aus diesem Grund demnächst sogar berühmte russische Bardenlieder
auf Deutsch vortragen - und Dias der Sänger der Originale an eine
Wand hinter der Bühne projizieren - um herüberzubringen, dass es
um mehr geht als nur ein Lied.
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